Autor: Dieter Beck (Seite 1 von 4)

Narren allein zu Haus – Korbinian Huber

Korbinian Huber im Alter von 3 Wochen

Wie wir auf dem Bild* sehen, ist dem Korbinian Huber die Fasnacht ja schon in die Wiege gelegt worden.

Dies war für alle, die den Kleinen besuchten und ihn einmal sehen wollten, ein ungewohnter Anblick. Der Eifer, mit dem die Eltern sein Bettchen und das Kinderzimmer schmückten, war so enorm, dass man den kleinen Korbinian ob der reichhaltigen Dekoration erst auf den zweiten Blick erblickte.
„Wir möchten“, sagten Hedi und Franz Huber, „dass unser Sohn einmal das Erbe weiterführt. Wir sind auf der Reichenau eine alteingesessene Familie, die dem örtlichen Brauchtum schon immer verpflichtet ist. Und unser Sohn soll so früh wie möglich spüren, dass dieses Erbe nicht nur Freude, sondern auch Bürde sein kann. Mag diese Dekoration für manche zu üppig erscheinen, für unseren Korbinian soll es heute schon bedeuten, dass es einem in den närrischen Tagen nie zu viel werden darf. Franz, sag doch auch mal was.“
„Genau, auch mir wurde schon was ins Bettchen gelegt.“
Hedi Huber hatte gleich nach der Geburt für alle Besucher nicht nur den Stammbaum der Familie, sondern auch viele Bilder und Fotoalben bereitgelegt. „Hier mein Urgroßvater Karl mütterlicherseits, ein begnadeter Glühweinabschmecker, und es gab während der ganzen Jahre nur zwei Vergiftungen“, erklärt die Hedi aufgeregt. „Oder hier, schau mal, unsere Großtante Augusta.“ Das vergilbte Bildchen zeigt ein sehr molliges Mädchen mit einem etwas mürrischen Gesichtsausdruck. „Sie war das erste Tanzmariechen auf der Reichenau. Sie hatte viele Verehrer. Das glaubt man gar nicht, aber das Bild ist ja auch in schwarz-weiß.“
„Früher war man halt noch mit dem zufrieden, was man hatte“, sagt der Franz. „Unser erster Narrenbaum war gerade mal 6 Meter hoch, und bei der ersten Elferratssitzung gab es eine Schlägerei. Wenn man bedenkt, wie die Sitzungen heute immer so harmonisch ablaufen, kann man das gar nicht glauben.“
Was diese Familie an Brauchtumspflegern und Persönlichkeiten der heimischen Fasnacht aufzuweisen hat, ist schon beeindruckend. Nicht weniger als siebenmal stellten sie den Narrenpräsidenten, zwölf Frauen wurden vom Fasnachtsverband ausgezeichnet, weil sie die schönsten Puppen für die Verbrennung der Fasnacht gestalteten.
„Der Hubert, ein Bruder von meinem Urgroßvater Kornelius, war ja der Erfinder des heutigen Weckerwagens“, meint der Franz. „Diese ersten Wagen muss man sich natürlich noch etwas einfach in ihrer Ausführung vorstellen anno 1897. Der Hubert musste einen Waschkessel zu einer Trommel umbauen, und sein Bruder spielte Blockflöte. Bis sie mit dem Heuwagen richtig loszogen, war es schon halb neun, und die meisten Reichenauer brauchten auch nicht mehr geweckt werden. Aber es war etwas Besonderes, und wie wir sehen, hat der Weckerwagen noch heute seinen festen Platz in der reichenauer Fasnacht.“
„Und in unserer Familie auch“, sagt die Hedi stolz, „und darum haben wir für den Korbinian schon einen stattlichen Hänger bestellt. Er soll sich ja vor seinen Vereinskameraden nicht blamieren müssen.“
Die Patentante, eine Böhler, steht vor der Wiege und schnuppert: „Aber in die Hose scheißt er sich halt doch noch wie alle Hubers. Das bleibt bei euch auch Tradition.“

*Die feinfühlige Darstellung der Wiege des Korbinian Huber wurde vom bekannten Maler und Fotografen Didi Becconi nachempfunden. Die Dekoration weicht vom Original ab, da es dem Künstler widerstrebte, ein Neugeborenes dermaßen einzumüllen.

Narren allein zu Haus – Johann Eichenwegler

Am nächsten Tag im Februar erreicht die närrischen reichenauer Mitbürgerinnen und Mitbürger diese wichtige Benachrichtigung:
Bis der Engpass von Luftschlangen behoben ist, können im Gärtner-Center am Samenschalter Nudelmaschinen ausgeliehen werden. Es ist eine Aktion, die der amtierende Wassermeister der Beregnungsgenossenschaft Johann Eichenwegler* auf privater Ebene gestartet hat.
Der Narrenverein bedankt sich für das Engagement vom Johann ebenso wie für den guten Ratschlag von der Waltraut. Auf so erfahrene echte Narren kann man sich halt immer verlassen.

*Der richtige Name ist dem Autor bekannt, wird aber aus Sicherheitsgründen nicht genannt.

Narren allein zu Haus – Waltraut Fröhlich

An einem trostlos verregneten Tag im Februar schreibt Waltraut Fröhlich, ein Gründungsmitglied der legendären Nixengarde:
„Hallo ihr Lieben, da ich mich auch an der „home-decoration“ beteilige und im schönen Freudental fleißig am Ausschmücken meiner Wohnung bin, möchte ich mit einem einfachen Tipp zur Behebung des Luftschlangenengpasses beitragen. Schon viele Jahre benütze ich die Nudelmaschine meiner verstorbenen Tante, um mit ihr Luftschlangen herzustellen. Ich drehe buntes Bastelpapier, aber auch alte Illustrierte durch die Maschine und bin mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Nur die „Ausbeute“ mit der heimischen Tageszeitung erscheint mir etwas farblos.
Viel Spaß und Ho Narro.

Anmerkung für junge Narren: Die oben erwähnte Maschine arbeitet noch „händisch“, eine digitale Steuerung ist nicht erforderlich. Ein Ladegerät entfällt bei ihr ebenfalls.

Narren allein zu Haus – Camilla von Quittenstein

Nach dem Aufruf des Narrenpräsidenten, die Häuser zu schmücken, kommt es im örtlichen Nahversorger beim Verkauf von Luftschlangen zu Engpässen. Pro Haushalt können deshalb diese Woche nur noch 3 Päckchen gekauft werden.
Der Präsident entschuldigt sich: „Meine Aufforderung war unüberlegt. Nichts lag mir ferner als eine Situation wie beim Klopapier hervorzurufen. Ich bin ein Narr.“ Auch die bekannte Psychologin Camilla von Quittenstein beschäftigt sich in ihrem Buch „Der Narr, der keinen Spaß verstand“ ausführlich mit der Problematik des Dekorierens während der närrischen Tage.
Es wäre sicher eine sinnvolle Idee gewesen, dieses hilfreiche Sachbuch dem „Hergetefürdehom-Päckle“ beizulegen. Der Gesamtpreis von 64 Euro 28 hätte aber sicher einige vom Kauf abgeschreckt, obwohl davon 3 Euro 45 an bedürftige reichenauer Glühweinrührer geflossen wären. Schade.
Frau von Quittenstein beklagt, wie selbst bei altgedienten Fasnachtern die Bedeutung der Luftschlange immer wieder unterschätzt wird. „Die gemeine Luftschlange will sich nicht mit pompösen Girlanden, Blumenbändern oder anderen Dekorationsmitteln wie etwa Lampions oder biederen Kreppbändern messen. Durch ihre einfache Fertigung und Beschaffenheit fügt sie sich unauffällig und auch stimmig in das Bild einer ländlichen Narrenfamilie.“
Camilla von Quittenstein mahnt in dem Kapital „Die Schlange, die sich nicht kringeln wollte“ noch einmal eindringlich, vom Kauf billiger Luftschlangen abzusehen. „Wenn wir dieses Jahr davon ausgehen, dass nur in den eigenen Räumen dekoriert wird, ist die Qualität umso wichtiger. Ich denke in diesen Tagen besonders an die betagten Mitbürgerinnen und Mitbürger, die sich mit Pusten und Blasen schwertun. Für solche Menschen kommt nur die Luftschlange LS-Senior 347 in Frage. Der Fachmann spricht hier von einem sogenannten „Leichtverblaser“. Das bedeutet, dass sich die Luftschlange auch bei geringer Blaskraft mit einem überraschenden Luftsprung in der heimischen Stube erhebt, eine Spirale bildet, um sich dann mit einem geradezu lustvollen Kringeln auf der Anrichte oder dem Sofa niederzulegen. Die LS-Senior 347 ist in ihrer Handhabung unproblematisch. Da es ganz selten zu Verwicklungen kommt, kann sie deshalb auch in Seniorenheimen ohne Aufsicht verwendet werden. Für ältere Damen, die sich mit den kräftigen Farben nicht anfreunden können, gibt es diese Luftschlangen auch in den vertrauten Farben Zimt, Muskat und Curry. Beim Artikel „Safranfarben“ ist auf die geänderte Endnummer zu achten.“
Frau von Quittenstein erwähnt, wie viele Seniorinnen und Senioren sich bei ihr bedankt haben. So schrieb ein Rentner aus Allensbach: „Herzlichen Dank, liebe Frau von Quittenstein. Meine Frau hat mit diesen Luftschlangen so viel Freude. Ich nenne sie jetzt meine Pusteblume.“
Für Närrinnen und Narren, die noch kräftig im Leben stehen, empfiehlt die Psychologin die LS-D erotic 11.02. Diese Papierbänder sind etwas breiter und strapazierfähiger. Sie sind doppelseitig mit Motiven für Erwachsene bedruckt und parfümiert. Spitzenreiter sind dieses Jahr: „Wilder Hase“, „Röhrender Hirsch“ und „Süße Maus.“
Camilla von Quittenstein rät den Jungen wie den Alten:
„Gebt eurer Fantasie und der Luftschlange eine Chance, und die Fasnacht wird schön.“

Narren allein zu Haus – Bernd Weinheber

Der Narrenvereinspräsident Bernd Weinheber wendet sich mit einem Rundschreiben an alle Grundele wie auch an die übrige Bevölkerung der Insel mit der Bitte, über die Fasnachtszeit ihre Fenster, Häuser und Vorplätze fasnächtlich zu schmücken. Sein Motto:
„Mögen bunte Bändel wehen – bis wir uns mal wiedersehen!“
Kaum wird dieser Leitspruch vernommen, kommt es in den nächsten Tagen bei nicht wenigen Familien zu einer fast närrischen Betriebsamkeit, nicht einer, der den Präsidenten in dieser Zeit nicht unterstützen möchte. So fehlen bei den Schöpples über Nacht die hässlichen Vorhänge in der Ferienwohnung. Großvater Böhler schenkt seiner Enkelin die furchtbar geschmacklose Kittelschürze seiner Frau, die er noch nie leiden konnte. Und Bastian Löhle wird seine langen, kratzigen Unterhosen auch nicht vermissen. Dies alles wird sich baldmöglichst hervorragend für die Herstellung von Narrenbändeln eignen.
Einige Frauen haben sich zu sogenannten „ribbon women“, also Bändel-Frauen, zusammengeschlossen. Da sie sich nicht treffen dürfen, stellen sie sich im Tausch Wäschekörbe vor die Haustüre, die entweder mit Stoffen oder schon fertigen Narrenbändeln, festgenäht an einer Schnur, gefüllt sind. So näht auch die Frau vom Schuster Eugen eifrig Narrenbändel. Sie stammt ursprünglich aus Thailand, findet aber die Fasnacht auf der Reichenau viel lustiger als ihr Mann.
Des Öfteren sieht man jetzt Männer auf einer Leiter stehen, die Löcher in ihre Hausfassade bohren, Dübel setzen und in diese Ringschrauben drehen. Allein in der Oberen Rheinstraße, so hört man, ist nicht ein Hausbesitzer zu finden, der nicht wenigstens 6 Ringschrauben zum Befestigen der Narrenbändel gesetzt hat. Und nicht genug. Ein Malermeister, der in dieser Straße wohnt, will pünktlich bis zum Schmutzigen Donnerstag Konterfeis von Narrenräten auf seinen Hauswänden als Lüftlmalerei verewigen. Wer das möchte, soll sich bitte mit dem Künstler in Verbindung setzen.
Und ab heute gibt’s noch in verschiedenen Geschäften die angekündigten „funny humor packages“, also die „Seidochemolluschtigdehompäckle“.
Oh, ihr reichenauer Närrinnen und Narren, schaut doch, wie der Narrensamen gesät wird, wie die Narrenbäume gesetzt werden, und wie die Früchte des Humors vollgereift in den Gärten der Narren auf die Ernte warten. Ist das nicht schön?

Anmerkung: Muss man wirklich so übertreiben?

Narren allein zu Haus – Theresia Huber

Im Januar kurz vor der Vesper, dem Abendgebet, spielt Pater Bonifatius ein paar fasnächtliche Weisen auf seiner „Steirischen“, einer speziellen Harmonika. Die Melodien klingen aus dem niederzeller Gotteshaus hinaus auf den Friedhof, wo die Theresia Huber gerade ihrem Mann eine neue Ewiglichtkerze gebracht hat und sie jetzt anzündet. Sie erinnert sich ergriffen an jene Fasnacht, an der sie ihren Willi kennengelernt hat. Beim Vereinsball der Bürgermusik hat er sie zum Tanzen aufgefordert. Ein miserabler Tänzer war er, der Willi, das darf man sagen, aber Waldhorn spielte er in der Bürgermusik wie kein Zweiter und das über Jahrzehnte.
Aus der Kirche hört die Theresia jetzt Musik zur Ehre Gottes. Die Orgel hat die Harmonika abgelöst. Auch schön. Jetzt kommt ein frostiger Wind auf und bläst über den Friedhof. „En Sauluft, en grüelige“, würde ihr Willi jetzt sagen. Das Ewiglicht wird ausgelöscht. Die Erinnerung bleibt.

Narren allein zu Haus – Carlo Brommler

Was mich immer wieder innerlich aufwühlte, waren die Aussagen derer, die vor und in der Fasnachtszeit jahrelang an vorderster Front für Ablauf, Durchführung und Abwicklung verantwortlich zeichneten. Ich darf an dieser Stelle Tagebuchaufzeichnungen eines Alt-Betriebsleiters des Narrenvereins veröffentlichen, nur um einmal mehr die ganze Problematik deutlich zu machen, die mit dieser Aufgabe verbunden ist.
An einem nassgrauen, nebelverhangenen Tag, am 11. November, schrieb der Narrenrat Carlo Brommler:
„Was muss denn einem Betriebsleiter innewohnen, der nur einen Funken Verantwortung im Ranzen hat? Eine ausgewogene Mischung aus Besonnenheit und Zukunftsglaube muss er besitzen. Menschliche Zuwendung, Führungswille, Kritikfähigkeit und Motivation sollte er mitbringen, einen gewissen Ernst, aber auch Heiterkeit. Ich glaube nicht, dass sich ein Elferrat seines Humors schämen müsste.
Aber wer hat denn schon eine Ahnung davon, was einen Betriebsleiter alles belasten kann? Das ist doch wahrlich kein Zuckerschlecken. Meinst du, da fragt dich nur einer, wie es dir geht, wie dein Kreislauf das aushält, dein Magen und die Leber? Dazu kommen noch Zweifel, ob man auch alles richtig macht, und nachts hockt dir das Bedenken immer noch auf der Brust wie ein schweres, böses Tier. Oh, es gibt genug Kritiker und Spötter, die dann am Bunten Abend in der Bütt stehen und mosern. Am schlimmsten sind die Alten – nicht mehr ganz dicht – aber immer am Lästern. Diese grauen Ratten, die an unserem schönen Brauchtum nagen und immer betonen, dass ihnen früher die Fasnacht besser geschmeckt habe. Wenn sie einmal nicht mehr da sind, um zu mahnen, davon sind die Betagten überzeugt, wird niemand mehr den früheren, schönen Zeiten nachtrauern.“
Carlo Brommler beendet an diesem Tag seine Aufzeichnungen mit den Worten: „Die Leute beurteilen dich nur als Narren. Sie wollen es nicht wahrhaben, dass dahinter vielleicht nur ein Mensch steht, der sich freuen und Fasnacht machen will.“
Das sind deutliche Worte. Mich jedenfalls haben diese Tagebucheintragungen sehr nachdenklich gemacht. Und die Leute, die unser Fasnachts-Brauchtum pflegen, also das Pflegepersonal, sehe ich jetzt mit ganz anderen Augen.

Narren allein zu Haus – Heribald Hämmerle

Es ist ein Januarabend, und während es draußen düster wird, beschäftigt sich der närrische Philosoph und Tonkünstler Heribald Hämmerle mit Fragen, die ihn in dieser Zeit immer wieder umtreiben.
„Und so habe ich mich gefragt“, berichtet mir Heribald Hämmerle, „wenn wir uns dieses Jahr schon nicht gemeinsam auf dem Festplatz treffen dürfen, und keine Fasnachtsveranstaltungen stattfinden, sollen wir dann nicht jungen Leuten, die einen Partner suchen, mit Anregungen und Hilfestellungen auf die Sprünge helfen? So ist mir als Musiker und Komponist dann beim Schneeschippen eine fantastische Idee gekommen. Wäre es nicht schön, wenn wir die Kultur der Troubadoure wieder neu ins Leben rufen? Vor Freude über diesen Einfall habe ich fast heulen müssen“, verrät er mir leicht verlegen.
Ja, auch ich finde die Idee vom Heribald gut, wenn statt der Trommeln und Fanfaren, anstatt des kräftigen Spiels der Psycho-Band und der lauten Narrenrufe sich still und unbemerkt etwas Neues vorbereitet. Ich habe dieses Bild schon vor Augen, wie sich bei beginnender Dunkelheit viele junge Männer als Minnesänger aufmachen, um vor dem Haus ihrer Angebeteten ein Liebeslied anzustimmen. Anmutige Mädchen mit roten Wangen und pochenden Herzen erwarten ihre Verehrer, um dann mit schönen Gewändern und leuchtenden Augen auf dem Balkon zu erscheinen.
Allein die Vorstellung ist köstlich, wenn sich nach dem Lärm des Tages in der Stille der Nacht ein Hauch von Romeo und Julia über die Insel legt, und das große, uralte Spiel der Liebenden beginnt, in dem so viel Hoffnung, so viele Erwartungen, aber auch Enttäuschungen innewohnen. Denn wo immer ein Musiker sein Instrument anstimmt, wo immer ein Sänger ein Lied singt, er will mit seinem Spiel nicht nur berühren, er will auch verführen. Und obwohl es alle wissen, geht doch der Vorhang immer wieder auf, das Spiel beginnt, und es entfaltet sich immer wieder neu.
Heribald Hämmerle meint, auch bei ihm habe es so eine Zeit gegeben. Er könne sich aber an die Texte seiner vorgetragenen Lieder nicht mehr genau erinnern. Entscheidend sei aber nicht nur die Wahl des Musikstückes, sondern auch das Durchhaltevermögen der Sänger. Es kann ihre Chancen bei den jungen Damen durchaus erhöhen, wenn sie ihr Glück unter verschiedenen Fenstern oder Balkonen versuchen.
In diesem Zusammenhang ist auch die Aussage von Andreas M. von der Reichenau interessant, der sich einer Forschungsgruppe in Tübingen angeschlossen hat, die sich mit Menschen während der Paarungszeit beschäftigt. In dieser Studie stellte Andreas M. überraschend fest, dass ein Lied mit der Stimme eines Roland Kaisers, das von einer jungen, weiblichen Person gehört wird, zu einer unerwarteten Paarungsbereitschaft führen kann. „Allerdings“, so Andreas M., „könnten in manchen Fällen auch noch das Aussehen des Sängers, seine prächtige Eigentumswohnung oder die Aussichten auf ein ansehnliches Erbe zu einer Liebesbeziehung führen.“
Oh, ihr Frauen von der Reichenau, macht die Fenster auf und eure Herzen weit! Es werden Minnesänger kommen, euch ein Lied zu singen. Ein Liebeslied.
Diese Fasnacht wird schön.  

Narren allein zu Haus – Kaspar B. Scheuert

Karlsruher Wissenschaftler haben herausgefunden, dass es in sogenannten Hochburgen schwäbischer oder alemannischer Fasnacht zu Schädigungen führen kann, wenn das Fasnachtsmotto nicht klar und eindeutig von den Verantwortlichen vorgegeben wird.
Professor Kaspar B. Scheuert, der sich eingehend mit dem Thema Frohsinn und Täterä im fasnächtlich-kulturellen Raum befasst, mahnte eindringlich: „Immer wieder stelle ich fest, dass nicht nur das Motto, also der Leitgedanke, für die bevorstehende Fasnacht zu spät bekannt gegeben, sondern auch von den Verantwortlichen schwer verständlich artikuliert wird. Die Folge sind nicht mehr aufzulösende Missverständnisse in einer Zeit, in der der Frohsinn seine unbeschwerten Tage haben sollte.“
„Bei der Verkündung des Fasnachtsmottos genügt es eben nicht“, meinte Professor Kaspar B. Scheuert, „als Anregung nur „Aus dem Märchenbuch“ oder „Ja, so warns die alten Rittersleut“ vorzuschlagen. Diese Vorgaben sind zu mager und nur für versierte Fasnachter zu gebrauchen. Wenn die Mehrheit der Einwohner einer Gemeinde statt geschminkt und kostümiert nur mit einer Winterjacke, Jeans und einer Kopfbedeckung in gedeckten Farben auf dem Festplatz erscheint, dürfe man dies nicht auf die leichte Schulter nehmen. Gerade Inselmenschen, die vielleicht nur ungern ihre gewohnte Umgebung verlassen, wäre es zu gönnen, einmal als ganz andere Person aufzutreten. Doch sie trauen sich meist deshalb nicht, sich zu verkleiden, weil sie befürchten, dem Fasnachtsmotto nicht gerecht zu werden.“
So fiel dem Adalbert Welte, der in der Landgasse wohnt, fast die Glühweintasse aus der Hand, als er seinen Schulkameraden erblickte. Dieser kam in einem rosa Anzug und trug einen Schweinskopf, was dem Fasnachtsmotto „Wir fahren zum Mond“ in keiner Weise auch nur annähernd gerecht wurde. Auch Eveline Neuhaus wurde mehrfach verspottet, weil sie sich als Dornröschen zeigte und somit dieses „Thema“ mehr als deutlich verfehlte.
Professor Kaspar B. Scheuert äußerte sich so: „Wenn sich Narrenräte oder andere versierte Mitglieder einer Humorgilde wieder ihrer Aufgabe bewusst werden und Hilfestellungen geben, werden solche Fehlkostümierungen nicht mehr zu sehen sein. Eine einheitliche Verkleidung wie etwa bei den Tanzmariechen oder dem Fanfarenzug wird das Auge des Zuschauers als wohltuend empfinden.“ Kaspar B. Scheuert rät daher, nach dem Dreikönigstag verkleidete Narren an alle Haustüren zu schicken, um den Einwohnern mit einem Beispiel zu zeigen, wie sie sich dem Motto annähern können.“
Bei einer Sitzung des hiesigen Narrenvereins wurde einstimmig beschlossen, die Idee des Professors in die Tat umzusetzen. Sollten also nächstes Jahr statt der Sternsinger drei Wildsauen vor ihrer Haustüre stehen, dürfen Sie sich nicht wundern. Das Motto könnte dann vielleicht lauten: „Wir lassen die Sau raus.“ Prima Idee!

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