Autor: Dieter Beck (Seite 1 von 4)

Rosalie

Bodo ist ein großer Freund aller elektronischen Neuerungen. So war es nur eine Frage der Zeit, dass auch er sich einen dieser cleveren Sprachassistenten zulegte, der auf Sprachbefehle hört und einem so das alltägliche und auch nächtliche Leben erleichtert, indem er die technischen Dinge, auf die wir nicht mehr verzichten möchten, steuert in einer Art und Weise, die uns erfahren lässt, wie segensreich uns doch die modernen Errungenschaften treu zur Seite stehen und uns dabei immer wieder in großes Staunen versetzen.
„Ich hatte schon längere Zeit die Absicht, meiner Bea und mir diese enorme Hilfe für den Haushalt zu gönnen“, erklärt mir Bodo. „Aber ich wollte noch auf die neue Generation warten, die wirklich mit einem Komfort überrascht, den man sich vor einem halben Jahr bei Alexa nicht vorstellen konnte.“
Bodo zeigt auf ein paar unscheinbare Geräte, die auf dem Sideboard stehen. Auf einem der winzigen Monitore blinkt es ununterbrochen in verschiedenen Farben. Aus zwei silbernen Dosen vernehme ich ein sanftes Rauschen.
„Ich habe mich für Rosalie entschieden. Sie führt nicht nur simple Befehle aus wie etwa die Rollläden zu schließen oder zu öffnen, sondern macht mich auch auf den Sonnenstand aufmerksam und fragt mich, ob ich es bemerkt habe, dass sich im Westen ein Unwetter ankündigt. Wenn es mir recht wäre, würde sie schon mal die Markise aufrollen“, erläutert mir Bodo.
„Selbstverständlich regelt sie nicht nur das Licht im gesamten Haus, sondern kontrolliert auch die Hauseingänge und öffnet rechtzeitigt das Garagentor. Rosalie begrüßt abends mit einer Serenade und kleinen farbigen Lampen in der Hofeinfahrt unsere Gäste, aber nur, wenn wir es für erforderlich halten.
Noch vor zwei Monaten hätten wir diese Alexa bitten müssen, laut zu melden, was im Kühlschrank fehlt, damit wir es notieren können. Heute erwähnt meine Bea nur beiläufig, dass sie noch einkaufen muss. Schon lässt Rosalie die fehlenden Lebensmittel als Einkaufsliste ausdrucken. Diese Auflistung wird ergänzt durch aktuelle Sonderangebote der Lebensmittelhändler und Metzgereien in der Region. Meine Bea ist so froh, dass ihr dieses zeitraubende Suchen in den unzähligen Werbeblättern erspart bleibt. Erst gestern hat uns Rosalie auf die fußbettfreundlichen Gartenschuhe aufmerksam gemacht, die man im örtlichen Raiffeisen-Markt erwerben kann. Bei einer Abnahme von 4 Paaren erhält jeder kostenlos ein Alpenveilchen oder wahlweise eine CD von Peter Maffay.“
„Das ist natürlich für Bea eine enorme Erleichterung“, sage ich.
„Das Bemerkenswerte ist“, schwärmt Bodo, „Rosalie wird dabei nichts zu viel.“ Er spricht tatsächlich wie von einem leibhaftigen Dienstmädchen. Ähnliches Lob und solch eine Begeisterung habe ich von ihm nie gehört, wenn er von seiner Frau redete.
„Erst gestern fragte mich Rosalie, ob sie mich an die Einnahme meiner Medikamente erinnern dürfe, aber nur, wenn es mich nicht belastet, ständig an meine Zucker- und Cholesterinwerte erinnert zu werden. Du wirst es mir nicht glauben, aber ihre Sorge um mein Wohlbefinden hat mich richtig gerührt.“
„Stimmt, ich kann es nicht glauben“, bestätige ich.
„Selbstverständlich musste Rosalie in unseren Alltag eingeführt werden. Dass dies nicht so einfach war, erfuhren wir durch meinen Freund Fritz, der sich 4 Tage Zeit nahm, um mit einem sehr speziellen Programm allein die Grundvoraussetzungen zu schaffen, dass Rosalie ihren Dienst bei uns aufnehmen konnte. Diese Programme“, erklärt er mir, „beinhalten Prognosen, Diagnosen, orientieren sich an Wahrscheinlichkeitsrechnungen und Algorithmen, sind gekoppelt an Erfahrungsmuster, die wiederum sich eng an Versuch und Irrtum orientieren, wobei sich das Programm, allerdings ein bisschen laienhaft ausgedrückt, fortlaufend auf einer zweiten Ebene korrigiert.
Dazu mussten wir allerdings viel von unseren Gewohnheiten preisgeben, was mir und auch Bea schon ein bisschen peinlich war, besonders vor Rosalie. Mein Freund Fritz wusste ja schon etliches von uns.“
„Das kann ich mir gut vorstellen“, sage ich.
„Mein Programm, wenn ich dann mit Rosalie verheiratet bin, wie ich das immer scherzhaft nenne, wird keinen Fehler zweimal machen. Und Rosalie auch nicht“, begeistert er sich.
Ich will gerade erwähnen, dass man auch neue Fehler machen kann, halte aber lieber meine Meinung zurück.
„Es ist aber auch nicht immer so einfach. Angenommen, wir bekommen am Samstag Gäste, und Rosalie soll uns Vorschläge für ein Menü unterbreiten. Einer der Gäste mag kein Fleisch, ein anderer ekelt sich vor Fisch. Vivien, eine Freundin von Bea, reagiert mit einer heftigen Unverträglichkeitsstörung beim Verzehr von Gewächshausgemüsen. Wenn wir Freddy einladen, sieht er die Menschheit untergehen allein, weil sie Soßen isst.
Diese Problematik von Lebensmittelauswahl, Speisenzubereitung wie auch Harmonie und Verträglichkeit war selbst für meinen Freund Fritz neu und eine enorme Herausforderung. Aber Fritz ist einer der besten Programmierer. Aufgeben gibt’s bei ihm schon gar nicht. Nachdem er im Mai zwei Wochen bei uns wohnte, konnte Rosalie nicht nur Vorschläge machen, sondern auch Herkunft und Inhaltsstoffe erklären sowie Speisekarten ausdrucken, dass es einem Vier-Sterne-Koch vor Neid die Blässe ins Gesicht getrieben hätte.“
„Da hast du aber Glück, dass Fritz sich mit Rosalie so gut versteht“, meine ich.
„Am Anfang mussten wir uns allerdings an die ständigen Anweisungen gewöhnen. Gerade Bea ist da sehr empfindlich. Sie kann es nicht leiden, dass sie ermahnt wird.“.
„Ja, mit Tadel können manche Frauen schlecht umgehen“, sage ich und bedaure im selben Moment meine Äußerung. Aber Bodo geht nicht darauf ein.
„Wir haben ja auch – nur jetzt als Beispiel – diese neuartigen Matratzen, in denen winzige Sensoren eingearbeitet sind. Rosalie meldet dann spaßhaft zu viel Verkehr im Schlafzimmer. Sie meint damit aber die Milben. Vor Kurzem meldete sie dieses fröhlich vom Sideboard just, als daneben unsere Gäste am Esstisch saßen. Ich kann dir nicht sagen, wie peinlich das Bea war. Ich glaube, es hätte die Situation auch nicht mehr gerettet, wenn ich beim Essen etwas von unserer komfortablen Milbenmatratze erzählt hätte. Aber Fritz tröstete mich, dass das doch wirklich nur Kleinigkeiten seien, die passieren könnten.“
In diesem Moment ertönt ein leichtes Schnurren. Bodo schaut fast erschreckt auf den kleinen Monitor, wo eine neue Nachricht aufleuchtet: „Geranien wässern! Dünger beim Raiffeisen-Markt bestellen!“ Nach dieser Meldung ertönt ein paar Minuten Musik. Das legt die Aufregung. Anscheinend hat Rosalie eine Schwäche für Sängerinnen aus einer Alpenregion, denn wir vernehmen: „Wo‘s Edelweiß blüht am Klammenstein…“.
Eine Weile lauschen wir dem Gesang. Bei der zweiten Strophe, wo scheinbar ein Wilderer zu Tode kommt, führt mich Bodo in seine Küche. Selbst einem Laien wie mir verschlägt es die Sprache ob dieser Ausstattung. Auf den ersten Blick sehe ich einen Toaster, zwei Entsafter, drei Rührgeräte, eine professionelle Teig- und Nudelmaschine, zwei Waagen sowie eine Mikrowelle. Riesige Messer liegen neben einem Holzblock, der offensichtlich zum Bearbeiten großer Fleischstücke dient.
„Natürlich mussten wir in einen neuen Kühlschrank und in einen neuen Herd investieren. Auch eine neue Küchenmaschine war vonnöten. Wir hatten ja noch diesen Thermomix, der Bea schon Schwierigkeiten bereitete. Auch Rosalie konnte mit diesen Geräten einfach nicht kommunizieren, ein sicheres Zeichen, dass sie veraltet waren. Wie oft haben wir früher das Haltbarkeitsdatum missachtet, sodass uns viele Lebensmittel vergammelt sind. Wie oft hat Bea ihre Lieblingsserie „Liebe im Wind“ versäumt nur, weil sie zu spät daran gedacht hat. Jetzt wird sie rechtzeitig auf die Zeiten der Ausstrahlung einschließlich der Wiederholungen aufmerksam gemacht. Ich meine, alles in allem haben sich diese Anschaffungen dann doch wieder gelohnt.“
„Das kann ich mir gut vorstellen. Rosalie muss eine enorme Hilfe sein – gerade für Bea.“
„Das freut mich jetzt aber.“ Bodo strahlt über das ganze Gesicht. „Dass du das auch so siehst, das hätte ich jetzt nicht erwartet. Ich kann nur jedem empfehlen, auch so eine Hilfe anzuschaffen.“
Ich könnte jetzt Bodo sagen, dieses auf der Stelle zu tun, wenn ich nicht schon rundum von einem fantastischen Wesen betreut würde, das ich Dorothe nenne. Was Rosalie bestimmt nicht kann, ist so hervorragend zu kochen, zu waschen und zu bügeln, mit Liebe unseren Garten zu pflegen und mir auch sonst noch ein paar Wünsche zu erfüllen, um die man Rosalie vergeblich bitten würde.
Wir sind über 40 Jahre verheiratet, und ich habe noch nie daran gedacht, sie gegen eine neue Generation auszutauschen. Was Dorothe aber von allen anderen Geschöpfen unterscheidet, ist die Tatsache, dass sie mich noch immer liebt.
Von all diesen Gedanken erzähle ich Bodo nichts.
Ich glaube, mit Bea und Rosalie ist Bodo ganz gut bedient.

Marta

Die Tragödie begann, als Marta einem Verbrechen zum Opfer fiel. Sie hing an einem Ast des großen Apfelbaums, der inmitten des Gartens stand. Ihre Füße streckte sie in den Morgenhimmel, und aus ihrem Hals, der nach unten baumelte, tropfte noch ein Rest von Blut.
Obwohl der Kopf fehlte, wusste Albert sofort, wer da bei Tagesanbruch gemeuchelt wurde, und er spürte einen heftigen Stich in seiner Brust. Es war seine Lieblingshenne Marta, sein über alles geliebtes Brahmahuhn. In welchem Zustand mochten sich seine anderen Tiere befinden? Und wo?
Er lief zu seinem Hühnerhaus. In der Nacht befanden sich alle Hühner immer in einem sicheren Stall, einem isolierten Holzhaus mit einem Bitumenschindeldach, das seinen 14 Tieren auch über längere Zeit genügend Platz bot. Es war stets verriegelt und mit einem Schloss gesichert. Die Tür, das sah Albert sofort, war nicht aufgebrochen und das Zahlenschloss nicht beschädigt. Er wählte den Code und öffnete die Tür. Alle seine Hennen waren auf den ersten Blick noch vollzählig, und sein prächtiger Hahn stolzierte, wenn auch aufgescheucht, doch unversehrt herum.
Und dann sah er Marta. Es gab keinen Zweifel, sie war da und lebte. Weil er noch in der Tür stand, brauchte er nur einen Schritt zurückzutreten, um in den Garten zu schauen, wo der Apfelbaum stand. Da hing keines seiner Hühner im Geäst. Da hing überhaupt nichts.

Als Lina in die Küche kam, um das Frühstück zu machen, und wie beiläufig durch das Fenster schaute, sah sie Albert, ihren Mann, im Schlafanzug im Garten stehen, wo er fast regungslos auf den Apfelbaum starrte. Erschrocken nahm sie noch schnell die kochende Milch von der Herdplatte, lief aus dem Haus über den Rasen auf ihren Mann zu, der immer noch mit halboffenem Mund in den Baum starrte.
„Albert“, flüsterte sie, „was machst du denn so früh im Garten?“
„Ich dachte, sie hätten Marta getötet. Ich habe sie ganz deutlich gesehen, wie sie an diesem Ast hing. Aber ohne Kopf! Aber sie ist unversehrt.“
„Albert, wer ist denn diese Marta?“
„Wie kannst du nur so etwas fragen? Du kennst doch meine Marta, meine Lieblingshenne, die schönste von allen.“ Jetzt drehte sich Albert um und schaute an seiner Frau vorbei zur Gartenhecke.
„Doch sie ist bei den anderen. Siehst du, sie sind alle noch im Stall. Ich muss sie nachher gleich füttern.“
„Aber erst nach dem Frühstück.“ Lina nahm ihren Mann, der barfuß auf dem feuchten Gras stand und schlotterte, bei der Hand und führte ihn zurück ins Haus.
„Darf ich heute einmal deine Hühner füttern?“
Lina hatte den Frühstückstisch abgeräumt, und ihr Mann saß wie in Gedanken verloren auf seinem Stuhl.
„Was für Hühner?“, fragte Albert. „Ich hatte doch noch nie Hühner.“
„Es war ein Spaß“, sagte Lina. „Es war nur ein Spaß.“
Schnell ging sie aus der Küche, damit Albert nicht sehen konnte, wie ihr die Tränen in die Augen schossen. Aber das Schlimmste war, er würde es nicht verstehen, dass sie jetzt weinte.

Narren allein zu Haus – Korbinian Huber

Korbinian Huber im Alter von 3 Wochen

Wie wir auf dem Bild* sehen, ist dem Korbinian Huber die Fasnacht ja schon in die Wiege gelegt worden.

Dies war für alle, die den Kleinen besuchten und ihn einmal sehen wollten, ein ungewohnter Anblick. Der Eifer, mit dem die Eltern sein Bettchen und das Kinderzimmer schmückten, war so enorm, dass man den kleinen Korbinian ob der reichhaltigen Dekoration erst auf den zweiten Blick erblickte.
„Wir möchten“, sagten Hedi und Franz Huber, „dass unser Sohn einmal das Erbe weiterführt. Wir sind auf der Reichenau eine alteingesessene Familie, die dem örtlichen Brauchtum schon immer verpflichtet ist. Und unser Sohn soll so früh wie möglich spüren, dass dieses Erbe nicht nur Freude, sondern auch Bürde sein kann. Mag diese Dekoration für manche zu üppig erscheinen, für unseren Korbinian soll es heute schon bedeuten, dass es einem in den närrischen Tagen nie zu viel werden darf. Franz, sag doch auch mal was.“
„Genau, auch mir wurde schon was ins Bettchen gelegt.“
Hedi Huber hatte gleich nach der Geburt für alle Besucher nicht nur den Stammbaum der Familie, sondern auch viele Bilder und Fotoalben bereitgelegt. „Hier mein Urgroßvater Karl mütterlicherseits, ein begnadeter Glühweinabschmecker, und es gab während der ganzen Jahre nur zwei Vergiftungen“, erklärt die Hedi aufgeregt. „Oder hier, schau mal, unsere Großtante Augusta.“ Das vergilbte Bildchen zeigt ein sehr molliges Mädchen mit einem etwas mürrischen Gesichtsausdruck. „Sie war das erste Tanzmariechen auf der Reichenau. Sie hatte viele Verehrer. Das glaubt man gar nicht, aber das Bild ist ja auch in schwarz-weiß.“
„Früher war man halt noch mit dem zufrieden, was man hatte“, sagt der Franz. „Unser erster Narrenbaum war gerade mal 6 Meter hoch, und bei der ersten Elferratssitzung gab es eine Schlägerei. Wenn man bedenkt, wie die Sitzungen heute immer so harmonisch ablaufen, kann man das gar nicht glauben.“
Was diese Familie an Brauchtumspflegern und Persönlichkeiten der heimischen Fasnacht aufzuweisen hat, ist schon beeindruckend. Nicht weniger als siebenmal stellten sie den Narrenpräsidenten, zwölf Frauen wurden vom Fasnachtsverband ausgezeichnet, weil sie die schönsten Puppen für die Verbrennung der Fasnacht gestalteten.
„Der Hubert, ein Bruder von meinem Urgroßvater Kornelius, war ja der Erfinder des heutigen Weckerwagens“, meint der Franz. „Diese ersten Wagen muss man sich natürlich noch etwas einfach in ihrer Ausführung vorstellen anno 1897. Der Hubert musste einen Waschkessel zu einer Trommel umbauen, und sein Bruder spielte Blockflöte. Bis sie mit dem Heuwagen richtig loszogen, war es schon halb neun, und die meisten Reichenauer brauchten auch nicht mehr geweckt werden. Aber es war etwas Besonderes, und wie wir sehen, hat der Weckerwagen noch heute seinen festen Platz in der reichenauer Fasnacht.“
„Und in unserer Familie auch“, sagt die Hedi stolz, „und darum haben wir für den Korbinian schon einen stattlichen Hänger bestellt. Er soll sich ja vor seinen Vereinskameraden nicht blamieren müssen.“
Die Patentante, eine Böhler, steht vor der Wiege und schnuppert: „Aber in die Hose scheißt er sich halt doch noch wie alle Hubers. Das bleibt bei euch auch Tradition.“

*Die feinfühlige Darstellung der Wiege des Korbinian Huber wurde vom bekannten Maler und Fotografen Didi Becconi nachempfunden. Die Dekoration weicht vom Original ab, da es dem Künstler widerstrebte, ein Neugeborenes dermaßen einzumüllen.

Narren allein zu Haus – Johann Eichenwegler

Am nächsten Tag im Februar erreicht die närrischen reichenauer Mitbürgerinnen und Mitbürger diese wichtige Benachrichtigung:
Bis der Engpass von Luftschlangen behoben ist, können im Gärtner-Center am Samenschalter Nudelmaschinen ausgeliehen werden. Es ist eine Aktion, die der amtierende Wassermeister der Beregnungsgenossenschaft Johann Eichenwegler* auf privater Ebene gestartet hat.
Der Narrenverein bedankt sich für das Engagement vom Johann ebenso wie für den guten Ratschlag von der Waltraut. Auf so erfahrene echte Narren kann man sich halt immer verlassen.

*Der richtige Name ist dem Autor bekannt, wird aber aus Sicherheitsgründen nicht genannt.

Narren allein zu Haus – Waltraut Fröhlich

An einem trostlos verregneten Tag im Februar schreibt Waltraut Fröhlich, ein Gründungsmitglied der legendären Nixengarde:
„Hallo ihr Lieben, da ich mich auch an der „home-decoration“ beteilige und im schönen Freudental fleißig am Ausschmücken meiner Wohnung bin, möchte ich mit einem einfachen Tipp zur Behebung des Luftschlangenengpasses beitragen. Schon viele Jahre benütze ich die Nudelmaschine meiner verstorbenen Tante, um mit ihr Luftschlangen herzustellen. Ich drehe buntes Bastelpapier, aber auch alte Illustrierte durch die Maschine und bin mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Nur die „Ausbeute“ mit der heimischen Tageszeitung erscheint mir etwas farblos.
Viel Spaß und Ho Narro.

Anmerkung für junge Narren: Die oben erwähnte Maschine arbeitet noch „händisch“, eine digitale Steuerung ist nicht erforderlich. Ein Ladegerät entfällt bei ihr ebenfalls.

Narren allein zu Haus – Camilla von Quittenstein

Nach dem Aufruf des Narrenpräsidenten, die Häuser zu schmücken, kommt es im örtlichen Nahversorger beim Verkauf von Luftschlangen zu Engpässen. Pro Haushalt können deshalb diese Woche nur noch 3 Päckchen gekauft werden.
Der Präsident entschuldigt sich: „Meine Aufforderung war unüberlegt. Nichts lag mir ferner als eine Situation wie beim Klopapier hervorzurufen. Ich bin ein Narr.“ Auch die bekannte Psychologin Camilla von Quittenstein beschäftigt sich in ihrem Buch „Der Narr, der keinen Spaß verstand“ ausführlich mit der Problematik des Dekorierens während der närrischen Tage.
Es wäre sicher eine sinnvolle Idee gewesen, dieses hilfreiche Sachbuch dem „Hergetefürdehom-Päckle“ beizulegen. Der Gesamtpreis von 64 Euro 28 hätte aber sicher einige vom Kauf abgeschreckt, obwohl davon 3 Euro 45 an bedürftige reichenauer Glühweinrührer geflossen wären. Schade.
Frau von Quittenstein beklagt, wie selbst bei altgedienten Fasnachtern die Bedeutung der Luftschlange immer wieder unterschätzt wird. „Die gemeine Luftschlange will sich nicht mit pompösen Girlanden, Blumenbändern oder anderen Dekorationsmitteln wie etwa Lampions oder biederen Kreppbändern messen. Durch ihre einfache Fertigung und Beschaffenheit fügt sie sich unauffällig und auch stimmig in das Bild einer ländlichen Narrenfamilie.“
Camilla von Quittenstein mahnt in dem Kapital „Die Schlange, die sich nicht kringeln wollte“ noch einmal eindringlich, vom Kauf billiger Luftschlangen abzusehen. „Wenn wir dieses Jahr davon ausgehen, dass nur in den eigenen Räumen dekoriert wird, ist die Qualität umso wichtiger. Ich denke in diesen Tagen besonders an die betagten Mitbürgerinnen und Mitbürger, die sich mit Pusten und Blasen schwertun. Für solche Menschen kommt nur die Luftschlange LS-Senior 347 in Frage. Der Fachmann spricht hier von einem sogenannten „Leichtverblaser“. Das bedeutet, dass sich die Luftschlange auch bei geringer Blaskraft mit einem überraschenden Luftsprung in der heimischen Stube erhebt, eine Spirale bildet, um sich dann mit einem geradezu lustvollen Kringeln auf der Anrichte oder dem Sofa niederzulegen. Die LS-Senior 347 ist in ihrer Handhabung unproblematisch. Da es ganz selten zu Verwicklungen kommt, kann sie deshalb auch in Seniorenheimen ohne Aufsicht verwendet werden. Für ältere Damen, die sich mit den kräftigen Farben nicht anfreunden können, gibt es diese Luftschlangen auch in den vertrauten Farben Zimt, Muskat und Curry. Beim Artikel „Safranfarben“ ist auf die geänderte Endnummer zu achten.“
Frau von Quittenstein erwähnt, wie viele Seniorinnen und Senioren sich bei ihr bedankt haben. So schrieb ein Rentner aus Allensbach: „Herzlichen Dank, liebe Frau von Quittenstein. Meine Frau hat mit diesen Luftschlangen so viel Freude. Ich nenne sie jetzt meine Pusteblume.“
Für Närrinnen und Narren, die noch kräftig im Leben stehen, empfiehlt die Psychologin die LS-D erotic 11.02. Diese Papierbänder sind etwas breiter und strapazierfähiger. Sie sind doppelseitig mit Motiven für Erwachsene bedruckt und parfümiert. Spitzenreiter sind dieses Jahr: „Wilder Hase“, „Röhrender Hirsch“ und „Süße Maus.“
Camilla von Quittenstein rät den Jungen wie den Alten:
„Gebt eurer Fantasie und der Luftschlange eine Chance, und die Fasnacht wird schön.“

Narren allein zu Haus – Bernd Weinheber

Der Narrenvereinspräsident Bernd Weinheber wendet sich mit einem Rundschreiben an alle Grundele wie auch an die übrige Bevölkerung der Insel mit der Bitte, über die Fasnachtszeit ihre Fenster, Häuser und Vorplätze fasnächtlich zu schmücken. Sein Motto:
„Mögen bunte Bändel wehen – bis wir uns mal wiedersehen!“
Kaum wird dieser Leitspruch vernommen, kommt es in den nächsten Tagen bei nicht wenigen Familien zu einer fast närrischen Betriebsamkeit, nicht einer, der den Präsidenten in dieser Zeit nicht unterstützen möchte. So fehlen bei den Schöpples über Nacht die hässlichen Vorhänge in der Ferienwohnung. Großvater Böhler schenkt seiner Enkelin die furchtbar geschmacklose Kittelschürze seiner Frau, die er noch nie leiden konnte. Und Bastian Löhle wird seine langen, kratzigen Unterhosen auch nicht vermissen. Dies alles wird sich baldmöglichst hervorragend für die Herstellung von Narrenbändeln eignen.
Einige Frauen haben sich zu sogenannten „ribbon women“, also Bändel-Frauen, zusammengeschlossen. Da sie sich nicht treffen dürfen, stellen sie sich im Tausch Wäschekörbe vor die Haustüre, die entweder mit Stoffen oder schon fertigen Narrenbändeln, festgenäht an einer Schnur, gefüllt sind. So näht auch die Frau vom Schuster Eugen eifrig Narrenbändel. Sie stammt ursprünglich aus Thailand, findet aber die Fasnacht auf der Reichenau viel lustiger als ihr Mann.
Des Öfteren sieht man jetzt Männer auf einer Leiter stehen, die Löcher in ihre Hausfassade bohren, Dübel setzen und in diese Ringschrauben drehen. Allein in der Oberen Rheinstraße, so hört man, ist nicht ein Hausbesitzer zu finden, der nicht wenigstens 6 Ringschrauben zum Befestigen der Narrenbändel gesetzt hat. Und nicht genug. Ein Malermeister, der in dieser Straße wohnt, will pünktlich bis zum Schmutzigen Donnerstag Konterfeis von Narrenräten auf seinen Hauswänden als Lüftlmalerei verewigen. Wer das möchte, soll sich bitte mit dem Künstler in Verbindung setzen.
Und ab heute gibt’s noch in verschiedenen Geschäften die angekündigten „funny humor packages“, also die „Seidochemolluschtigdehompäckle“.
Oh, ihr reichenauer Närrinnen und Narren, schaut doch, wie der Narrensamen gesät wird, wie die Narrenbäume gesetzt werden, und wie die Früchte des Humors vollgereift in den Gärten der Narren auf die Ernte warten. Ist das nicht schön?

Anmerkung: Muss man wirklich so übertreiben?

Narren allein zu Haus – Theresia Huber

Im Januar kurz vor der Vesper, dem Abendgebet, spielt Pater Bonifatius ein paar fasnächtliche Weisen auf seiner „Steirischen“, einer speziellen Harmonika. Die Melodien klingen aus dem niederzeller Gotteshaus hinaus auf den Friedhof, wo die Theresia Huber gerade ihrem Mann eine neue Ewiglichtkerze gebracht hat und sie jetzt anzündet. Sie erinnert sich ergriffen an jene Fasnacht, an der sie ihren Willi kennengelernt hat. Beim Vereinsball der Bürgermusik hat er sie zum Tanzen aufgefordert. Ein miserabler Tänzer war er, der Willi, das darf man sagen, aber Waldhorn spielte er in der Bürgermusik wie kein Zweiter und das über Jahrzehnte.
Aus der Kirche hört die Theresia jetzt Musik zur Ehre Gottes. Die Orgel hat die Harmonika abgelöst. Auch schön. Jetzt kommt ein frostiger Wind auf und bläst über den Friedhof. „En Sauluft, en grüelige“, würde ihr Willi jetzt sagen. Das Ewiglicht wird ausgelöscht. Die Erinnerung bleibt.

Narren allein zu Haus – Carlo Brommler

Was mich immer wieder innerlich aufwühlte, waren die Aussagen derer, die vor und in der Fasnachtszeit jahrelang an vorderster Front für Ablauf, Durchführung und Abwicklung verantwortlich zeichneten. Ich darf an dieser Stelle Tagebuchaufzeichnungen eines Alt-Betriebsleiters des Narrenvereins veröffentlichen, nur um einmal mehr die ganze Problematik deutlich zu machen, die mit dieser Aufgabe verbunden ist.
An einem nassgrauen, nebelverhangenen Tag, am 11. November, schrieb der Narrenrat Carlo Brommler:
„Was muss denn einem Betriebsleiter innewohnen, der nur einen Funken Verantwortung im Ranzen hat? Eine ausgewogene Mischung aus Besonnenheit und Zukunftsglaube muss er besitzen. Menschliche Zuwendung, Führungswille, Kritikfähigkeit und Motivation sollte er mitbringen, einen gewissen Ernst, aber auch Heiterkeit. Ich glaube nicht, dass sich ein Elferrat seines Humors schämen müsste.
Aber wer hat denn schon eine Ahnung davon, was einen Betriebsleiter alles belasten kann? Das ist doch wahrlich kein Zuckerschlecken. Meinst du, da fragt dich nur einer, wie es dir geht, wie dein Kreislauf das aushält, dein Magen und die Leber? Dazu kommen noch Zweifel, ob man auch alles richtig macht, und nachts hockt dir das Bedenken immer noch auf der Brust wie ein schweres, böses Tier. Oh, es gibt genug Kritiker und Spötter, die dann am Bunten Abend in der Bütt stehen und mosern. Am schlimmsten sind die Alten – nicht mehr ganz dicht – aber immer am Lästern. Diese grauen Ratten, die an unserem schönen Brauchtum nagen und immer betonen, dass ihnen früher die Fasnacht besser geschmeckt habe. Wenn sie einmal nicht mehr da sind, um zu mahnen, davon sind die Betagten überzeugt, wird niemand mehr den früheren, schönen Zeiten nachtrauern.“
Carlo Brommler beendet an diesem Tag seine Aufzeichnungen mit den Worten: „Die Leute beurteilen dich nur als Narren. Sie wollen es nicht wahrhaben, dass dahinter vielleicht nur ein Mensch steht, der sich freuen und Fasnacht machen will.“
Das sind deutliche Worte. Mich jedenfalls haben diese Tagebucheintragungen sehr nachdenklich gemacht. Und die Leute, die unser Fasnachts-Brauchtum pflegen, also das Pflegepersonal, sehe ich jetzt mit ganz anderen Augen.

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