Rosalie

Bodo ist ein großer Freund aller elektronischen Neuerungen. So war es nur eine Frage der Zeit, dass auch er sich einen dieser cleveren Sprachassistenten zulegte, der auf Sprachbefehle hört und einem so das alltägliche und auch nächtliche Leben erleichtert, indem er die technischen Dinge, auf die wir nicht mehr verzichten möchten, steuert in einer Art und Weise, die uns erfahren lässt, wie segensreich uns doch die modernen Errungenschaften treu zur Seite stehen und uns dabei immer wieder in großes Staunen versetzen.
„Ich hatte schon längere Zeit die Absicht, meiner Bea und mir diese enorme Hilfe für den Haushalt zu gönnen“, erklärt mir Bodo. „Aber ich wollte noch auf die neue Generation warten, die wirklich mit einem Komfort überrascht, den man sich vor einem halben Jahr bei Alexa nicht vorstellen konnte.“
Bodo zeigt auf ein paar unscheinbare Geräte, die auf dem Sideboard stehen. Auf einem der winzigen Monitore blinkt es ununterbrochen in verschiedenen Farben. Aus zwei silbernen Dosen vernehme ich ein sanftes Rauschen.
„Ich habe mich für Rosalie entschieden. Sie führt nicht nur simple Befehle aus wie etwa die Rollläden zu schließen oder zu öffnen, sondern macht mich auch auf den Sonnenstand aufmerksam und fragt mich, ob ich es bemerkt habe, dass sich im Westen ein Unwetter ankündigt. Wenn es mir recht wäre, würde sie schon mal die Markise aufrollen“, erläutert mir Bodo.
„Selbstverständlich regelt sie nicht nur das Licht im gesamten Haus, sondern kontrolliert auch die Hauseingänge und öffnet rechtzeitigt das Garagentor. Rosalie begrüßt abends mit einer Serenade und kleinen farbigen Lampen in der Hofeinfahrt unsere Gäste, aber nur, wenn wir es für erforderlich halten.
Noch vor zwei Monaten hätten wir diese Alexa bitten müssen, laut zu melden, was im Kühlschrank fehlt, damit wir es notieren können. Heute erwähnt meine Bea nur beiläufig, dass sie noch einkaufen muss. Schon lässt Rosalie die fehlenden Lebensmittel als Einkaufsliste ausdrucken. Diese Auflistung wird ergänzt durch aktuelle Sonderangebote der Lebensmittelhändler und Metzgereien in der Region. Meine Bea ist so froh, dass ihr dieses zeitraubende Suchen in den unzähligen Werbeblättern erspart bleibt. Erst gestern hat uns Rosalie auf die fußbettfreundlichen Gartenschuhe aufmerksam gemacht, die man im örtlichen Raiffeisen-Markt erwerben kann. Bei einer Abnahme von 4 Paaren erhält jeder kostenlos ein Alpenveilchen oder wahlweise eine CD von Peter Maffay.“
„Das ist natürlich für Bea eine enorme Erleichterung“, sage ich.
„Das Bemerkenswerte ist“, schwärmt Bodo, „Rosalie wird dabei nichts zu viel.“ Er spricht tatsächlich wie von einem leibhaftigen Dienstmädchen. Ähnliches Lob und solch eine Begeisterung habe ich von ihm nie gehört, wenn er von seiner Frau redete.
„Erst gestern fragte mich Rosalie, ob sie mich an die Einnahme meiner Medikamente erinnern dürfe, aber nur, wenn es mich nicht belastet, ständig an meine Zucker- und Cholesterinwerte erinnert zu werden. Du wirst es mir nicht glauben, aber ihre Sorge um mein Wohlbefinden hat mich richtig gerührt.“
„Stimmt, ich kann es nicht glauben“, bestätige ich.
„Selbstverständlich musste Rosalie in unseren Alltag eingeführt werden. Dass dies nicht so einfach war, erfuhren wir durch meinen Freund Fritz, der sich 4 Tage Zeit nahm, um mit einem sehr speziellen Programm allein die Grundvoraussetzungen zu schaffen, dass Rosalie ihren Dienst bei uns aufnehmen konnte. Diese Programme“, erklärt er mir, „beinhalten Prognosen, Diagnosen, orientieren sich an Wahrscheinlichkeitsrechnungen und Algorithmen, sind gekoppelt an Erfahrungsmuster, die wiederum sich eng an Versuch und Irrtum orientieren, wobei sich das Programm, allerdings ein bisschen laienhaft ausgedrückt, fortlaufend auf einer zweiten Ebene korrigiert.
Dazu mussten wir allerdings viel von unseren Gewohnheiten preisgeben, was mir und auch Bea schon ein bisschen peinlich war, besonders vor Rosalie. Mein Freund Fritz wusste ja schon etliches von uns.“
„Das kann ich mir gut vorstellen“, sage ich.
„Mein Programm, wenn ich dann mit Rosalie verheiratet bin, wie ich das immer scherzhaft nenne, wird keinen Fehler zweimal machen. Und Rosalie auch nicht“, begeistert er sich.
Ich will gerade erwähnen, dass man auch neue Fehler machen kann, halte aber lieber meine Meinung zurück.
„Es ist aber auch nicht immer so einfach. Angenommen, wir bekommen am Samstag Gäste, und Rosalie soll uns Vorschläge für ein Menü unterbreiten. Einer der Gäste mag kein Fleisch, ein anderer ekelt sich vor Fisch. Vivien, eine Freundin von Bea, reagiert mit einer heftigen Unverträglichkeitsstörung beim Verzehr von Gewächshausgemüsen. Wenn wir Freddy einladen, sieht er die Menschheit untergehen allein, weil sie Soßen isst.
Diese Problematik von Lebensmittelauswahl, Speisenzubereitung wie auch Harmonie und Verträglichkeit war selbst für meinen Freund Fritz neu und eine enorme Herausforderung. Aber Fritz ist einer der besten Programmierer. Aufgeben gibt’s bei ihm schon gar nicht. Nachdem er im Mai zwei Wochen bei uns wohnte, konnte Rosalie nicht nur Vorschläge machen, sondern auch Herkunft und Inhaltsstoffe erklären sowie Speisekarten ausdrucken, dass es einem Vier-Sterne-Koch vor Neid die Blässe ins Gesicht getrieben hätte.“
„Da hast du aber Glück, dass Fritz sich mit Rosalie so gut versteht“, meine ich.
„Am Anfang mussten wir uns allerdings an die ständigen Anweisungen gewöhnen. Gerade Bea ist da sehr empfindlich. Sie kann es nicht leiden, dass sie ermahnt wird.“.
„Ja, mit Tadel können manche Frauen schlecht umgehen“, sage ich und bedaure im selben Moment meine Äußerung. Aber Bodo geht nicht darauf ein.
„Wir haben ja auch – nur jetzt als Beispiel – diese neuartigen Matratzen, in denen winzige Sensoren eingearbeitet sind. Rosalie meldet dann spaßhaft zu viel Verkehr im Schlafzimmer. Sie meint damit aber die Milben. Vor Kurzem meldete sie dieses fröhlich vom Sideboard just, als daneben unsere Gäste am Esstisch saßen. Ich kann dir nicht sagen, wie peinlich das Bea war. Ich glaube, es hätte die Situation auch nicht mehr gerettet, wenn ich beim Essen etwas von unserer komfortablen Milbenmatratze erzählt hätte. Aber Fritz tröstete mich, dass das doch wirklich nur Kleinigkeiten seien, die passieren könnten.“
In diesem Moment ertönt ein leichtes Schnurren. Bodo schaut fast erschreckt auf den kleinen Monitor, wo eine neue Nachricht aufleuchtet: „Geranien wässern! Dünger beim Raiffeisen-Markt bestellen!“ Nach dieser Meldung ertönt ein paar Minuten Musik. Das legt die Aufregung. Anscheinend hat Rosalie eine Schwäche für Sängerinnen aus einer Alpenregion, denn wir vernehmen: „Wo‘s Edelweiß blüht am Klammenstein…“.
Eine Weile lauschen wir dem Gesang. Bei der zweiten Strophe, wo scheinbar ein Wilderer zu Tode kommt, führt mich Bodo in seine Küche. Selbst einem Laien wie mir verschlägt es die Sprache ob dieser Ausstattung. Auf den ersten Blick sehe ich einen Toaster, zwei Entsafter, drei Rührgeräte, eine professionelle Teig- und Nudelmaschine, zwei Waagen sowie eine Mikrowelle. Riesige Messer liegen neben einem Holzblock, der offensichtlich zum Bearbeiten großer Fleischstücke dient.
„Natürlich mussten wir in einen neuen Kühlschrank und in einen neuen Herd investieren. Auch eine neue Küchenmaschine war vonnöten. Wir hatten ja noch diesen Thermomix, der Bea schon Schwierigkeiten bereitete. Auch Rosalie konnte mit diesen Geräten einfach nicht kommunizieren, ein sicheres Zeichen, dass sie veraltet waren. Wie oft haben wir früher das Haltbarkeitsdatum missachtet, sodass uns viele Lebensmittel vergammelt sind. Wie oft hat Bea ihre Lieblingsserie „Liebe im Wind“ versäumt nur, weil sie zu spät daran gedacht hat. Jetzt wird sie rechtzeitig auf die Zeiten der Ausstrahlung einschließlich der Wiederholungen aufmerksam gemacht. Ich meine, alles in allem haben sich diese Anschaffungen dann doch wieder gelohnt.“
„Das kann ich mir gut vorstellen. Rosalie muss eine enorme Hilfe sein – gerade für Bea.“
„Das freut mich jetzt aber.“ Bodo strahlt über das ganze Gesicht. „Dass du das auch so siehst, das hätte ich jetzt nicht erwartet. Ich kann nur jedem empfehlen, auch so eine Hilfe anzuschaffen.“
Ich könnte jetzt Bodo sagen, dieses auf der Stelle zu tun, wenn ich nicht schon rundum von einem fantastischen Wesen betreut würde, das ich Dorothe nenne. Was Rosalie bestimmt nicht kann, ist so hervorragend zu kochen, zu waschen und zu bügeln, mit Liebe unseren Garten zu pflegen und mir auch sonst noch ein paar Wünsche zu erfüllen, um die man Rosalie vergeblich bitten würde.
Wir sind über 40 Jahre verheiratet, und ich habe noch nie daran gedacht, sie gegen eine neue Generation auszutauschen. Was Dorothe aber von allen anderen Geschöpfen unterscheidet, ist die Tatsache, dass sie mich noch immer liebt.
Von all diesen Gedanken erzähle ich Bodo nichts.
Ich glaube, mit Bea und Rosalie ist Bodo ganz gut bedient.

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