Das Unauffällige an Semper

Semper ist für Filmproduktionen tätig, allerdings nicht hauptberuflich.
Er hatte sich mit Bild und einer kurzen Beschreibung seiner Person bei einer Casting-Agentur beworben, die Statisten suchte. Sempers Bewerbung wurde berücksichtigt und von Frau Häfele, einer Mitarbeiterin der Agentur, zu den anderen Aspiranten in die Besetzungs-Mappe gelegt. Seitdem steht Semper für kleinere oder größere Rollen zur Verfügung. Bisher waren es nur kleinere.
Wenn Frau Häfele von der Komparsen- und Statistenvermittlung anruft, dann weiß Semper genau, warum sie gerade ihn will, weil er sich vor der Kamera nicht in den Vordergrund drängt. Er ist sich bewusst, wie empfindlich Schauspieler und vor allem Schauspielerinnen reagieren, wenn man ihren Platz einnehmen will. Semper stand ja auch schon fürs Bauerntheater auf der Bühne. Und wenn er sich am Schluss verbeugte, konnte er reichlichen Applaus entgegennehmen.
Schauspielerfahrung sammelte er auch, als er unter der Regie von Betti Hasenpfot den Boten in Eichendorffs Komödie „Die Freier“ spielte. Freilichtbühne, schon an sich keine einfache Geschichte! Semper spielt also den Boten an der Seite von Hans-Heinrich Hempel, einem sensiblen Theaterschaffenden, zwar ein ganz feiner Mensch und gewissenhafter Vertreter seiner Zunft, keine Frage, aber empfindlich wie eine Diva. Als ob die Launen der Hasenpfot nicht schon genügten. Die Proben finden unter freiem Himmel statt, wo sonst? Bodenseeschwüle schon am Vormittag, kleine Missfallensäußerungen der Hasenpfot, eine bleierne Wand bildet sich im Westen, aufziehendes Gewitter, deswegen jetzt umso mehr nervöses Agieren auf und hinter der Bühne. Hempel wird nicht so zugespielt, wie er es verlangt, eine junge Schauspielerin am Heulen, Cornelius Schleitheimer aus München – auch eine Hauptrolle – nur noch am Fluchen, dann Platzregen und Abbruch. Hempel sucht ein trockenes Plätzchen, und die Hasenpfot sucht ihre Herztropfen. Und mittendrin versucht Semper nicht aufzufallen.
Jetzt beim Film, der wieder seine eigenen Gesetze hat, aber nicht weniger empfindliche Leute. Alles Künstler, aber auch Leute vom Fach! Darum ist sich Semper sicher, wenn er sich nicht immer so anspruchslos im Hintergrund gehalten und so unauffällig agiert hätte, einer von diesen Filmschaffenden wäre bestimmt auf ihn aufmerksam geworden.
Semper hatte schon viele Ideen, um seine Rollen besser anzulegen. Als er sich später in „Ein Gauner Gottes“ als Mönch wiedersah, war er nicht unzufrieden, aber ein Hauch mehr Ruhe hätte seiner Rolle gutgetan. Oder als er sich wirklich bemühte, einen glaubwürdigen Hofbesitzer in „Schwabenkinder“ darzustellen, wäre ein bisschen mehr Freiraum zum „Schauspiel“ für ihn wünschenswert gewesen. Semper wusste um sein Talent, spürte damals auch seine natürliche Begabung, die Tragik des Lebens darzustellen. Aber wie immer hatte er sich zugunsten anderer Darsteller zurückgenommen.
Jetzt hat Frau Häfele wieder angerufen. Sie brauchen einen älteren Herrn, der im Supermarkt einkauft. Ob Semper Zeit hätte? Wenn man ihn braucht, will er selbstverständlich den anderen Schauspielern zur Seite stehen. Bis zu den Aufnahmen möchte er aber noch einmal alle Eventualitäten vor Ort durchspielen und deshalb seine Frau beim Einkaufen begleiten. Und erst, wenn ihm seine Frau bestätigen kann, dass keiner ihn im Supermarkt wahrgenommen hat, ist Semper zufrieden. Das ist es ja, was ihn als Statist auszeichnet, und was die Frau Häfele so an ihm mag: seine Unauffälligkeit.

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2 Kommentare

  1. Inge Werner

    Es hat Freude gemacht, diese herzerfrischende, humorvolle und in vielen Bereichen “auf den Punkt gebrachte” Geschichte zu lesen. Ich freue mich sehr auf weitere.

    • Dieter Beck

      Diesen schnellen Kommentar habe ich sehr gerne gelesen.

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